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Sagen von Tempelhof-Schöneberg 

 

Die Tempelritter

Die blanke Helle

Das Fuchsloch auf dem Tempfelhofer Feld

Die Heilandsweide

Das Mauerkreuz in der Sankt-Matthias-Kirche

 

Die Tempelritter

Die blanke Helle

 

Die "blanke Helle"  (2006) im Winter

 

In den Grünanlagen des Alboinplatzes in Tempelhof liegt ein Teich, der im Volksmund "Blanke Helle" heißt. Ein steinernes Stier-Denkmal steht am Rand.  

Die Sage, die sich um diesen See rankt, wird folgendermaßen erzählt: In alten Zeiten war der See von einem dichten Wald umgeben. Dort hütete ein germanischer Priester die Opferstelle für die Göttin Hel. Wenn der Priester am Ufer die Arme hob und über den See winkte, begann das Wasser aufzusteigen und aus den Fluten stiegen langsam zwei schwarze Stiere heraus. Diese spannte der Priester vor seinen Pflug und bearbeitete den Uferstreifen. Dann entließ er die fleißigen Tiere wieder aus dem Joch und schickte sie ins Wasser zurück. Die Saat, die der Priester nun am Ufer aussäte, ging in kurzer Zeit auf und er hatte ein ganzes Jahr gut zu essen. Eine Handvoll der Garben legte der Priester auf einen Opferstein, entzündete ein Feuer und dankte der Göttin Hel für ihre Hilfe.

Eines Tages verirrte sich ein christlicher Mönch an den See, an dem der germanische Priester lebte. Dieser nahm ihn freundlich auf, denn er deutete sein Erscheinen als ein Zeichen von Hel, dass er bald zu Helle gehen, also sterben werde. Er bat den Mönch die Opferstätte weiterhin zu hüten. Bald starb der alte Priester. Der junge Mönch aber hielt an seinem christlichen Glauben fest und übernahm nicht die Rituale für die heidnische Göttin Hel. Als er nichts mehr zu essen hatte, bat er den Gott der Christen, ihn zu sich zu holen. Da schäumte das sonst so ruhige Wasser auf, die schwarzen Stiere stiegen hervor, sprangen in das Joch und pflügten brüllend das Ufer immer um den Waldsee herum. Als sie die Furchen geschlossen hatten, begann sich der Boden, der in dem Kreis lag, zu senken. Ein Loch tat sich auf, aus dem Wasser hervorquoll und Stiere, Mönch, Hütte und Opferstein wurden verschlungen. Hel hieß in germanischen Zeiten die Göttin der Fruchtbarkeit und auch der Unterwelt. Noch heute soll Hel den Menschen zürnen und es heißt, jedes Jahr hole sich der Hellpfuhl sein Opfer.

Ein Stier der Hel von Paul Mersmann (2006) am Ufer der "Blanken Helle"

 

Am Rande der „Blanken Helle“ steht der "größte Ochse von Berlin", wie die Berliner den Koloss nennen. Neun Meter lang und sieben Meter hoch ist die mächtige Skulptur aus Rüdersdorfer Kalkstein, die einen Stier der Göttin Hel darstellt. Von 1934-36 wurde das Denkmal von arbeitslosen Berliner Bildhauern nach einem Entwurf von Paul Mersmann errichtet.  Nach Aussagen des Sohnes von Mersmann soll sich in der Skulptur eine Kartusche befinden, in der sich ein Aufruf gegen Hitler befindet, den Künstler um den Bildhauer unterzeichnet hätten.

 

Restaurant "Blanke Helle" am Alboinplatz (2006)

 

Anmerkungen:

 

Der See entstand wahrscheinlich aus einem eiszeitlichen Strudelloch.

Bevor die Slawen nach Berlin kamen, lebten dort die Germanen. Der römische Schriftsteller Tacitus beschrieb, dass die Germanen eine Göttin ( Frigga) verehrten. Sie war die Göttin der Fruchtbarkeit. Die Göttin fuhr, laut Tacitus, auf  einem von Pferden und Rindern gezogenen Wagen durch das Land. In Berlin wurden bei Ausgrabungen in Brunnen (Spandau) und Seeopferplätzen (Glienicker See) Gefäße mit Resten von Honig, Getreide und Gewürzen gefunden. Der Brunnen oder der See gilt als Zugang zur Götterwelt.

Hel bedeutet in ihrem Namen "Heljan", hehlen, bergen, das Verhülltwerden und Gefangengehaltenwerden der Toten in dem schaurigen finstern Abgrund der Tiefe. Als Königin der schaurigen Tiefe, als Beherrscherin der Schrecken, als Fürstin der finsteren Unterwelt erscheint Hel als Gebieterin der Straforte für Frevler, welche nach dem Tode die Schuld ihres Lebens zu büßen haben; so wurde die persönlich gedachte Göttin Hel der Germanen zu der räumlich gedachten Hölle des christlichen Mittelalters. Aber zugleich personifiziert sie auch das Nährende; die schützende, Lebenskeime bergende und befruchtende Erde wird als segensreicher, warmer Schoss, als "die hehlende" bezeichnet. So kommt es, dass die Erdgöttin auch als Hel gedacht wurde. Daher berührt sie sich mit Frigga, welche die Göttin der Ehe, des Hausherdes, der Fruchtbarkeit ist, das Urbild der germanischen Hausfrau, des Götterkönigs schöne und strenge Gemahlin.

Bezeichnend für die Doppelart der Hel ist, dass Hel selbst oder die bei ihr weilenden Jungfrauen halb schwarze und halb weiße Haut- und Gewandfarbe tragen. Das in die Unterwelt verwünschte, zum Aufenthalt in der Grabestiefe für bestimmte Zeit verdammte Mädchen ist schwarz, wenn sie der Tiefe verfallen ist, aber weiß, sofern sie durch ihre menschlichen Eigenschaften zur Erlösung fähig ist. Das Märchen von Frau Holle beinhaltet diese Mythologie.

Vielmehr verehrten sie ihre Götter unter freiem Himmel, auf Waldlichtungen und in heiligen Hainen und - so können wir angesichts archäologischer Funde ergänzen - an heiligen Wassern, stehenden und fließenden

Recht karg sind also die Ausführungen von Tacitus über die Religion der Germanen im Allgemeinen. Sehr viel anschaulicher und farbiger ist jedoch das, was er von den kultischen Bräuchen einzelner Stämme zu berichten weiß. Einige kleine Stämme beispielsweise, die Anwohner der Ostsee im Bereich des heutigen Norddeutschland gewesen sein müssen, verehrten gemeinsam eine Personifikation der Mutter Erde mit Namen Nerthus (Germania 40). Deren Sitz war ein heiliger Hain auf einer Insel im Meer. Von Zeit zu Zeit wurde sie, in welcher Gestalt auch immer, auf einem von Kühen gezogenen Wagen und verhüllt unter einem Tuch von Ort zu Ort umhergefahren und überall gefeiert und verehrt. Zum Schluß wurden Wagen und Decke, auch die Göttin bzw. ihr Kultbild selbst (numen ipsum), in einem verborgenen See gewaschen, und die Sklaven, die das besorgten, wurden in eben diesem See geopfert - eine dunkle Seite dieses sonst eher heiteren Kultes.

 

Das Fuchsloch auf dem Tempelhofer Feld

 

Eine arme Frau ging mit ihrem Kind von Berlin nach Tempelhof. Da zog das Kind sie zu einem Fuchsloch und die Frau traute ihren Augen nicht, als sie im Grunde des Loches Schalen voller Geld und Schmuck sah. Mit einem Freudenschrei kniete sie nieder und raffte zusammen, was sie tragen konnte. Dann sprang sie auf, um heimzulaufen und erneut zurückzukommen. Als sie einige Schritte gelaufen war, fiel ihr das Kind ein. Als sie sich umdrehte, sah sie voller Entsetzen, wie der Junge langsam im Fuchsloch versank, das sich über ihm schloss. 

Sie schrie und jammerte bis Sonnenuntergang. Aber das Fuchsloch blieb geschlossen, und von ihrem Kind hörte sie keinen Laut. 

Früh am morgen war sie wieder zur Stelle und suchte und klagte. Aber sie fand die Stelle nicht wieder und verwünschte ihre Habgier. 

Sieben Tage lang suchte sie so, dann kniete sie am Weg nieder und betete. Als sie wieder aufblickte, saß das Kind vor ihr. Das Kind legte den Finger auf den Mund, nahm die Hand der Mutter. Eine Erdspalte tat sich auf und über viele Stufen gingen sie ins Dunkle hinab. Vor einer gläsernen Tür hielt ein feuriger Hund Wache. "Binde ihm die Füße zusammen!" sagte der Knabe zu seiner Mutter. 

Sie tat es zitternd, obwohl ihr die Hände verbrannten. 

Darauf öffnete sich die Grotte, die voller Totengebeine lag. In den Augenhöhlen der Schädel glänzten Edelsteine. "Brich die Steine aus", sagte das Kind

Aber die Frau war von Grauen überwältigt.

"Ich kann nicht." flüsterte sie bebend.

"Willst du mich nicht erlösen?" fragte der Knabe.

Da begann sie zagend diese abscheuliche Arbeit. Als sie alle Steine ausgebrochen hatte, richteten sich die Totengebeine auf, fügten sich zu Gestalten zusammen, griffen aus der Luft dunkle Gewänder herunter, verhüllten sich und gingen in den nächsten Saal. 

Der Knabe zog seine Mutter hinterher. In diesem Raum ruhten viele schlafende Kinder, zu denen sich die dunklen gestalten stellten. 

"Taufe die Kinder!" sagte der Junge.

Die Frau aber weigerte sich: "Ich bin sündig und habe die Weihen nicht!" 

Da begann der Junge zu weinen: "Willst du mich nicht erlösen?"

Da begann die Frau die Kinder zu taufen und ihre schwarzen Paten gaben ihnen ihre Namen. 

Der Knabe führte die Mutter weiter. 

In einer dunkelrot verhängten Kammer gab er seiner Mutter einen Gegenstand, der wie ein zerbrochener Tannenzapfen aussah. 

"Das ist meine Seele, Mutter," sagte der Knabe. "Die musst du zusammennähne, denn sie ist zersprungen, als du mich verlassen hast." 

Die Frau nahm aus der Tasche Garn und Nadel. Aber wie sie den ersten Stich machtge, fiel das Kind zu Boden und jammerte: "O Mutter, das tut so weh!"

Sie wollte aufhören, gedachte jedoch, dass sie die Erlösung zuend bringen müsse,und obwohl ihr das herz zerspringen wollte, nähte sie die Seele mit drei raschen Stichen zusammen. 

Da sprang der Knabe fröhlich auf und geleitete seine Mutter über einen anderen Pfad zu der Treppe zurück. 

Am Ausgang lagen alle ausgebrochenen Edelsteine in Gefäßen. "Nimm alle mit", sagte der Junge. In erneuter Habgier raffte die Mutter ihre Schürze voll und lief nachhause, erinnerte sich aber plötzlich wieder an ihr Kind und rehte sich um.

Da war der Junge verschwunden und das Fuchsloch nicht mehr zu erkennen. 

Nach Tagen fanden Leute, die über das Tempelhofer Feld kamen, die Frau irrsinnig und halb verhungert. 

 

Die Heilandsweide

 

In dem kleinen Dörfchen Marienfelde soll ein frommer Schafhirt gelebt haben. Er lebte stets gottgefällig, befolgte die Lehren Jesu, trat würdevoll auf, trug langes Haar und einen prächtigen Vollbart. Wegen seines frommen Lebenswandels und seiner äußeren Erscheinung war er unter dem Namen »Heiland« bekannt. Der Schäfer trieb seine Herde häufig auf feuchte Wiesen. Als sich eines Tages ein Schaf im nahen Moor verirrte und an einer grundlosen Stelle versank, eilte der Schäfer ihm zu Hilfe und versank selbst im Morast. Als die Marienfelder nach ihm suchten, fanden sie nur seinen Hirtenstab, der aus dem Sumpf herausragte. Dieser Weidenstock soll im darauffolgenden Frühjahr ausgeschlagen haben und nach Jahren zu jener stattlichen Weide herangewachsen sein. Die Leute gaben ihr den Namen »Heilandsweide«. Als sie 1956 gefällt wurde, war sie ungefähr 200 Jahre alt. In unmittelbarer Nähe pflanzte man eine neue Eiche, der man wieder der Namen gab. Sie steht in der Straße An der Heilandsweide etwa 60 Meter östlich der Marienfelder Allee.

 

Das Mauerkreuz in der Sankt-Matthias-Kirche

Das Mauerkreuz in der Sankt-Matthias-Kirche 2006

 

Am Hauptaltar in der Sankt-Matthias-Kirche am Winterfeldtplatz hängt seit 1989 das Mauerkreuz von Wilhelm Polders junior, welches die Bitte um das Aufbrechen der Mauer darstellt. Die Geschichte des Kreuzes beginnt 1985. Der Goldschmied Wilhelm Polders jun. kam in jenem Jahr nach Berlin und besuchte auch den Ostteil der Stadt. Auf den Rückweg musste er sich stundenlangen Verhören unterziehen. Unter den Eindruck dieser Erlebnisse kam ihm die Idee zu einem Kreuz. Sein Leitgedanke war: Die Mauer muss weg. Mit der Gestaltung des Kreuzes nahm er diesen Gedanken auf. Er fertigte ein Kreuz mit zerbrochenen Mauern an den vier Enden. Den Corpus bildet ein vergoldeter Bronzeabguss eines von seinem Vater, der ebenfalls Goldschmied ist, aus Silber getriebenen Christus. 1986 kam das Kreuz nach Berlin. Eine Kirche in Berlin (Ost) kam aus politischen Gründen nicht infrage. So hing es bis 1989 in der Totengedächtnis - Kapelle. In diesem Jahr wurden die Apsisfenster eingesetzt und das große Hängekreuz von Egino Weinert musste weichen. Pfarrer Kotzur brachte das kleine Mauerkreuz am 19. August 1989 als Ersatz im Altarraum an und erst am Abend erfuhr er in den Nachrichten, dass sich die Mauer genau an diesem Tage an der österreichisch-ungarischen Grenze zu öffnen begann. Seitdem hat das kleine Mauerkreuz hier seinen Platz.

 

 

 

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